Im September war ich live bei „Studio 2“ auf ORF 2 zu Gast. Diesmal lagen zwei Karotten vor mir: eine frisch, eine welk.
Norbert Oberhause und ich haben beide zerbrochen. Die frische hat laut geknackt, die welke gar nicht. Das ganze Studio hat den Unterschied gehört, bevor jemand etwas geschmeckt hat.
Das war das Thema der Sendung: Wir schmecken auch mit den Ohren.
Das meine ich wörtlich. Der Nerv für die vorderen zwei Drittel Deiner Zunge nimmt einen Umweg zum Gehirn. Er läuft mitten durchs Mittelohr, zwischen Hammer und Amboss hindurch und quer über das Trommelfell. Er heißt Chorda tympani, übersetzt „Paukensaite“.
An dieser Stelle liegt er frei, ohne Knochen drumherum. Nach Operationen am Mittelohr schmecken manche Menschen deshalb auf einer Zungenhälfte weniger. Hören und Schmecken sind also Nachbarn.
Kennst Du das? Über den Wolken schmeckt das Essen nach wenig. Und Du bestellst Tomatensaft, den Du am Boden nie trinken würdest.
2015 hat ein Forschungsteam genau das getestet. Menschen bekamen Kopfhörer mit Kabinenlärm auf, 80 bis 85 Dezibel laut. Dann kosteten sie süße, salzige, saure, bittere und herzhafte Lösungen, einmal mit Lärm und einmal ohne.
Das Ergebnis:
Tomatensaft steckt voller Umami. Am Boden schmeckt er vielen erdig, fast muffig. Im Flugzeug fällt das weg, und übrig bleibt das Runde, Herzhafte. Die Lufthansa hatte das schon früher bemerkt: Ihre Passagiere tranken so viel Tomatensaft wie Bier.
Dazu kommt die trockene Kabinenluft. Sie trocknet die Nasenschleimhaut aus, und den größten Teil vom Geschmack nehmen wir über die Nase wahr. Im Flugzeug zu essen ist also wie Essen mit leichtem Schnupfen.
Dasselbe passiert am Boden. Denk an ein Fine-Dining-Restaurant: Teppich, Stoffservietten, Du hörst fast nur Dein eigenes Besteck. Auf dem Teller liegen ein Hauch Zitrone, eine zarte Bitternote und ein feines Kräuteröl.
Jetzt denk an ein Wirtshaus oder ein Fast-Food-Lokal: Musik, Stimmengewirr, irgendwo piepst die Fritteuse. Auf dem Tablett ist alles extra salzig, extra süß und extra deftig.
Das passt zusammen. Feine Aromen brauchen einen ruhigen Raum. Im Lärm setzt sich nur durch, was kräftig schmeckt. Außerdem zieht Lärm Aufmerksamkeit ab, und die fehlt dann beim Schmecken.
Nicht jedes Geräusch stört. Das Knacken beim Abbeißen gehört zum Genuss dazu.
2004 ließen Massimiliano Zampini und Charles Spence Menschen in Kartoffelchips beißen. Das Knuspergeräusch hörten die Versuchspersonen in Echtzeit über Kopfhörer, mal lauter, mal leiser. Die Chips waren immer dieselben. Klang das Knacken lauter und heller, fanden die Menschen den Chip um rund 15 Prozent frischer.
Dein Gehirn hört die Frische also, bevor Deine Zunge sie schmeckt.
Zuhause: Schalte beim Essen alles aus: den Fernseher, das Handy, die Musik im Hintergrund.
2016 aßen Versuchspersonen Brezeln und trugen dabei Kopfhörer. Wer das eigene Kauen nicht hören konnte, aß mehr Brezeln. Wer sich selbst kauen hörte, aß weniger. Das Kaugeräusch sagt Deinem Gehirn: Ich esse gerade.
Iss die ersten drei Bissen Deiner nächsten Mahlzeit in Ruhe. Achte darauf, was Du hörst und was Du schmeckst.
Ruhe macht Essen intensiver, und sie kostet Dich nichts.
Im Sensorikteam: Ruhe ist ein Qualitätsfaktor. Bei Lärm, Geplauder und Hintergrundgeräuschen nimmt Dein Team weniger wahr, und die Ergebnisse werden unzuverlässig. Wie Du Deinem Team gute Bedingungen fürs Verkosten schaffst, zeige ich Dir in meinen Sensorikschulungen für Teams.
Den ganzen Beitrag aus „Studio 2“ findest Du auf ORF ON (ab Minute 12:54, Dauer ca 5 min, verfügbar bis 18.10.2026).